Gegen Impfung – das naturalistische Argument

Seit sich u.a. in Berlin einige Menschen mit Masern angesteckt haben, diskutiert Deutschland wieder über die Chancen und Risiken von Impfungen. Dabei kommen auch Impfgegner zu Wort, die es grundsätzlich ablehnen, sich und ggf. ihre Kinder impfen zu lassen. Welche Argumente es für und gegen Impfungen gibt, ist in #4 des Vieraugengesprächs das Thema. Auf ein Argument soll im Folgenden eingegangen werden: das naturalistische Argument.
Im Rahmen der Sendung war nicht genug Zeit, das Argument ausführlich zu besprechen. Deshalb soll es an dieser Stelle erklärt werden. Einige Impfgegner vertreten die Auffassung, dass ein Mensch nicht mit künstlichen/chemischen Mitteln in seinen Körper eingreifen soll, weil diese Mittel nicht natürlich seien. Vielmehr soll der Natur ihren Lauf gelassen und auf die natürlichen Heilungskräfte des Menschen vertraut werden.
Diese Position hat ihren Ursprung in der Metaethik (Philosophie). Anhänger des Naturalismus sind der Meinung, dass es moralische Fakten gibt, die Teil der Natur sind. Es werden empirische Untersuchungen an und über die Natur durchgeführt (beispielsweise auf biologischer oder ökologischer Ebene) und den Ergebnissen ein moralischer Wert zugeschrieben, der in der Regel positiv besetzt ist.
Diese Position ist allerdings argumentativ fragwürdig, denn sie hat mit mehreren Problemen zu kämpfen. Das bekannteste Problem ist der naturalistische Fehlschluss: Aus dem Sein folgt ein Sollen. Dies funktioniert nicht. Es ist nicht möglich, aus einer Sache in der Welt ein moralisches Urteil abzuleiten.

©Martin Büdenbender/pixelio.de
©Martin Büdenbender/pixelio.de

Ein Beispiel soll dies veranschaulichen:
Eine Sache in der Welt ist zum Beispiel die Hautfarbe eines Menschen. Aus dieser bloßen Tatsache – der Hautfarbe eines Menschen – kann ich nichts ableiten. Es lässt sich nicht sagen, ob die Hautfarbe etwas Gutes oder Schlechtes ist. Sie ist einfach nur eine empirisch feststellbare Eigenschaft. Es lässt sich auch keine Handlung aus dieser Tatsache ableiten, z.B. was dem Umgang mit dieser Person betrifft. Aufgrund einer solchen Beschreibung lässt sich nicht sagen, ob der Mensch schlecht oder gut ist; ob er besonders intelligent oder dumm ist. Aus dem Sein (die Hautfarbe eines Menschen) folgt also kein Sollen (den Menschen einsperren o.Ä.). Moralische Urteile oder Handlungsaufforderungen werden nicht über bloße Tatsachen, die wir in der Welt beobachten können, gebildet.
Auf das Impfargument bezogen zeigt sich also: nur weil in der Natur Krankheiten vorkommen und künstlich hergestellte Impfmittel unnatürlich sind, lässt sich NICHT ableiten, dass Impfmittel schlecht sind und man sich nicht impfen lassen sollte. Eine solche Bewertung entzieht sich jeder vernünftigen Grundlage. Natur ist nicht von sich heraus gut und erstrebenswert, genauso wie etwas künstlich Hergestelltes nicht aus sich selbst heraus schlecht ist und prinzipiell abgelehnt werden sollte.

Der Naturbegriff ist zudem sehr problematisch, da nicht wirklich klar ist, was man unter „Natur“ verstehen soll. Man kann Natur unterschiedlich deuten. Natur als…

…Gesamtheit des innerweltlich Seienden?
…Gegenbegriff zu „Kultur“?
…Gesamtheit der außermenschlichen Natur?

Je nachdem, wie man „Natur“ versteht, gehört alles zur Natur. Wir Menschen als Wesen der Natur entwickeln z.B. Impfstoffe, die demnach auch zur Natur gehören.

Dies war nur eine knappe Beschreibung des naturalistischen Arguments der Impfgegner. Doch bereits hier wurde deutlich, dass das Argument fehlerhaft und damit ungültig ist. Anhänger dieser Position klammern sich an ein zweifelhaftes Naturverständnis und schreiben der Natur Werte und Handlungsanleitungen zu, die logisch und argumentativ nicht nachvollziehbar sind. Es handelt sich dabei allerdings nur um eines von mehreren Argumenten gegen das Impfen. Weitere Argumente für und gegen das Impfen werden in #4 des Vieraugengesprächs diskutiert. |von Stefan Seefeldt

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