Vieraugengespräch Zum Thema Werte, Normen, Tugenden

Werte, Normen, Tugenden

Martin Schuler Deutschland

In unserer aktuellen Folge zum Thema „Brauchen wir gemeinsame Normen?“ benutzen wir einige Begriffe, von deren Bedeutung die meisten Menschen nur eine ungefähre Ahnung haben. Es sind in der Regel Philosophen, die sich mit Begriffen wie „Wert“, „Norm“ oder „Tugend“ auseinandersetzen. Da in der aktuellen Flüchtlingsdebatte immer wieder davon die Rede ist, dass abendländische Werte angeblich in Gefahr seien, haben wir uns diesen Begriffen einmal angenommen.
Wenn sogenannte besorgte Bürger von abendländischen Werten sprechen, die sie schützen wollen, dann meinen sie eigentlich Normen. Denn Werte kommen jedem Menschen auf der Welt zu und sagen nichts darüber aus, wie jemand handelt. Von Normen hingegen lassen sich konkrete Handlungen ableiten. Die Erklärungen im Überblick:

Werte: Das sind Dinge, denen wir einen Wert zuschreiben, ohne dass daraus eine Handlungsaufforderung oder ein Verbot entsteht. Wir messen z.B. Frieden einen Wert bei. Wie wir Frieden erreichen – ob über einen kategorischen Verzicht auf Gewalt oder mithilfe einer bewaffneten Auseinandersetzung – geht daraus nicht hervor.

Normen: Sie sagen uns, welche Handlungen richtig und falsch sind. Auf sie hat sich eine Gesellschaft geeinigt, aber sie sind immer neu verhandelbar – das kommt immer darauf an, ob sich die Meinung der Gesellschaft ändert. Normen sind außerdem immer ein Kompromiss, weil die Interessen jedes einzelnen Bürgers nicht 100%ig mit den Interessen der Mitbürger vereinbar sind.

Tugenden: Sie beschreiben, wie ein Mensch handelt. Sind ihm z.B. Pünktlichkeit und Sauberkeit wichtig und handelt er dementsprechend, dann kann man davon sprechen, dass er tugendhaft handelt.

©Martin Schuler/pixelio.de

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Wir geben zu bedenken:
Wer (abendländische) Normen schützen möchte, sollte sich zwei Dinge fragen. Erstens: Halte ich mich selbst an diese Normen? Wenn ich beispielsweise die Norm „Hilfsbereitschaft“ hochhalte, dann verrate ich diese Norm, wenn ich mich gegen die Aufnahme von Flüchtlingen ausspreche. Diese Norm wird also nicht durch Flüchtlinge mit einer anderen Kultur und Religion bedroht, sondern von mir selbst verraten, bevor sich die Flüchtlinge überhaupt in diesem Land ein Leben aufbauen können.
Zweitens: Ist meine Forderung überhaupt im Sinne der Gemeinschaft? Wie oben erklärt, gehört es zu Normen, dass sie von Zeit zu Zeit hinterfragt und neu verhandelt werden. Denn es können neue Situationen, Erkenntnisse oder Ereignisse geschehen, die die Meinung des Volkes ändern und eine Modifizierung notwendig machen. Möchte ich Normen um jeden Preis schützen/erhalten, verweigere ich mich der kontinuierlichen und unaufhaltsamen Entwicklung der Gesellschaft und lehne einen demokratischen Diskurs ab. Demokratie bedeutet nicht nur seine Meinung frei äußern und mitbestimmen zu dürfen, sondern auch die Akzeptanz dessen, was die Mehrheit entschieden hat. Wer diese Akzeptanz nicht aufbringt, sollte sich fragen, ob er nicht selbst falsch in diesem Land ist. |von Stefan Seefeldt

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